Ullrich Altmann

Fotografie

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Verlassene Orte / Lost Places

Verlassener Ort? Ruine? Oder einer der “Lost Places”? Wikipedia schreibt dazu Anfang 2019: “Meistens handelt es sich um Bau­werke aus der jüngeren Ge­schichte, die ent­weder noch nicht historisch auf­gearbeitet (bzw. erfasst) worden sind oder auf­grund ihrer geringen Bedeutung kein all­gemeines Interesse finden und daher nicht als besonders er­wähnens­wert gelten. Der Ausdruck Lost Place wird zwar häufig gleich­bedeutend mit Ruinen aus der Industrie­geschichte oder nicht mehr genutzten militärischen Anlagen (vgl. Militär­geschichte) ge­braucht, die eigentliche Bezeichnung gilt aber für jedweden Ort, der im Kon­text seiner ur­sprüng­lichen Nutzung in Ver­gessen­heit geraten ist. Ins­besondere zählen dazu Orte, die nicht bewusst als Industrie­denk­mäler für die Nach­welt erhalten und dadurch einem breiten Publikum zugänglich ge­macht werden.

Die Faszination dieser Orte, die „nicht als Spektakel entworfen wurden“, wie Guy Debord es aus­drückt, liegt aber genau in dieser Ursprünglichkeit und der fehlenden (touristischen) Er­schließung, die dem Besucher die Möglichkeit bietet, selbst auf „Entdeckungsreise“ zu gehen und dabei Ge­schichte individuell und hautnah erleben zu können. Auf der anderen Seite birgt diese Eigenart der Plätze auch manchmal unterschätzte Gefahren. Des Weiteren ist das Betreten solcher Orte selten rechtlich eindeutig geregelt, weshalb Besucher von Lost Places auch zuweilen lieber anonym agieren.

Oft wird die Beschäftigung mit Lost Places gleichgesetzt mit moderner Schatzsuche oder auch dem Sammeln von Militaria bzw. Munition. Das ist eine zu kurz greifende Verallgemeinerung. Für viele Menschen, die sich mit den vergessenen Orten beschäftigen, ist dies eine ernsthafte Form von Heimatgeschichte. Im Internet gibt es mittlerweile zahlreiche Dokumentationen derartiger Orte. Für andere steht das emotionale Erlebnis, wie es in der Psychogeografie untersucht wird, im Vorder­grund. In der Aktfotografie gibt es ein eigenes Genre Lost Places, wo in solchen Gebäuden Auf­nah­men gemacht werden. Als Begründung wird oft genannt, dass so eine Spannung zwischen dem Morbiden/Verfallenen und den oft jungen Modellen erzeugt wird. Aber auch die Lost Places selbst können zum zentralen Thema von Fotografie werden, wie dies bei der Ruinen-Fotografie der Fall ist.

Inzwischen wird nach meiner Ansicht mit dem Begriff “Lost Places” inflationär umgegangen. Nehmen wir z.B. die Seite “Heilstätten Beelitz”. Die letzten erhaltenen (und noch nicht kommerziell genutzten) Gebäude sind ein von Hobbyfotografen geradezu verehrter Ort. Sieht man sich die Fotografien aus dem ehemlaigen Ver­waltungsgebäude an, findet man ausschließlich verfallene, verkommene, von Vandalismus zer­störte Räume. Da muss ich mich schon nach der angeblichen Faszination fragen. Bruch­buden finde ich in jedem zum Abriss freigegebenen Gebäude. Der Charme des Morbiden? Unsinn. Dann liegt in jedem versifften Trümmergrundstück dieser Charme.

Ein anderes Beispiel wäre die Seite “Neptun Hotel”. Ein geschlossenes Hotel, nur teilweise aus­ge­räumt, soll demnächst abgerissen werden, um Platz für ein neues Hotel zu schaffen. Ein “Lost Place”? Oder einfach nur leere, verlassene Räume?

Letztes Beispiel: Der Bunker Valentin in Bremen (siehe auch die Seite “Kunstprojekte”). Ein von den Nazis und ihrer Kriegsmaschinerie unter grausamster Inkaufnahme menschlichen Leids hochgeklotztes und nie genutztes Bunkerbauwerk. Hier z.B. verbietet der Anstand, diesen Denkort in die Kategorie “Lost Places” einzuordnen.